Face

2019 Ausgabe 3

Industrieforum 2019

Interview

„Wir haben es selbst in der Hand“

Kaum ein Tag vergeht derzeit, ohne dass das Thema Klimaschutz in den Medien präsent ist. Was die meisten dabei aber außer Acht lassen: Das Klima ist längst nicht unsere einzige globale „Baustelle“. Auch in Sachen Biodiversität ist die Lage inzwischen ähnlich dramatisch, schließlich sterben pro Tag schätzungsweise 150 Tier- und Pflanzenarten aus. Diese Zahlen sind erschreckend und die Konsequenzen jener Entwicklung aktuell nur schwer abzuschätzen. Klar ist jedoch: Die Krise darf und kann nicht mehr ignoriert werden, es ist bereits der „final call for planet earth“. Und hierbei steht viel auf dem Spiel, denn der Schutz der Natur ist eng auch mit unserem eigenen Wohl verknüpft. Höchste Zeit also zu handeln. Ob und wie die Welt – trotz aller Widrigkeiten – noch zu retten ist und worin eigentlich die Ursache des ganzen Übels liegt, dazu sprach die Face mit Dr. Christof Schenck, Biologe und Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft in Frankfurt.

Den Klimawandel hat heute so gut wie jeder auf den Schirm, anders verhält es sich hingegen noch beim Artensterben. Warum ist das Bewusstsein hier noch deutlich geringer ausgeprägt, obwohl es auch für die Natur schon „fünf vor zwölf“ ist?


Das hat mehrere Gründe: Erstens dauert es offensichtlich lange, zu lange, bis große globale Krisen als solche wahrgenommen werden. Vom Klimawandel wusste man auch schon vor 30 Jahren, aber erst jetzt ist es ein gesellschaftliches Top-Thema. Die Dimension des Artenstrebens kennen wir noch gar nicht so lange. Natürlich hat der Mensch schon vor langer Zeit Arten ausgerottet. Aber jetzt ist der Treiber des globalen Artensterbens der massive Lebensraumverlust. Ganze Artengemeinschaften verschwinden und mit ihnen die Leistungen der Ökosysteme, von denen wir abhängen. Das heißt: Erst jetzt wird es richtig brenzlig für uns. Zweitens vollzieht sich ein Großteil des Artensterbens im Stillen. Wir kennen die meisten Säugetier- und Vogelarten, aber vom Rest, vor allem aus der Gruppe der Insekten, kennen wir vielleicht zehn bis 20 Prozent. Die meisten sterben aus, bevor sie überhaupt wissenschaftlich beschrieben wurden. Wenn der Glanzknochenkäfer verschwindet, dann merkt das kaum jemand und der Normalbürger denkt: „Was soll‘s? Den vermisse ich jetzt echt nicht.“ Dabei ist das eine Zeigerart unserer ursprünglichen Wälder, ein Endglied einer komplexen Kette von Baumhöhlenbewohner. Wenn er weg ist, sind auch die anderen Kettenglieder weg. Diese Zusammenhänge nehmen wir viel zu wenig wahr. Und Drittens: Uns machen zu heiße Sommer nervös, schneefreie Winter, Stürme und Starkregen, die wir zunehmend mit dem Klimawandel in Verbindung bringen. Jetzt, wo das Netz des Lebens durch das Artensterben löchriger wird, merken wir das allerdings noch nicht bei unserem täglichen Leben. Und der größte Artenverlust findet ohnehin in der Tropenzone statt – nur da leben wenige Journalisten, Filmemacher, Wissenschaftler, die das Thema täglich in unsere Wahrnehmung heben.

Wie schlimm steht es tatsächlich um unsere Natur und wie sind die Aussichten?


Leider schlimm. Und das ist jetzt kein Alarmismus. Der Weltbiodiversitätsrat hat dies in seinem diesjährigen Bericht unmissverständlich klar gemacht: 85 Prozent der Feuchtgebiete sind zerstört, 23 Prozent der Landfläche geschädigt, mehr als 90 Prozent der Riffe sind gefährdet. Mehr als 80 Prozent der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die sogenannte SDGs, werden verfehlt, wenn es nicht gelingt den Verlust an biologischer Vielfalt aufzuhalten. Das heißt: Die Aussichten sind düster. Die gute Nachricht aber lautet: Wir haben es in der Hand, wir können Zerstörung und Verlust aufhalten.

Ist der immense Verlust an Biodiversität also ein Phänomen unserer Zeit?


Dadurch, dass dieses Massensterben jetzt von nur einer Art ausgelöst wird, nämlich von uns selbst, ist es tatsächlich ein Phänomen unserer Zeit. Auf der Erde gab es jedoch schon fünf solcher Massensterben, verursacht zum Beispiel durch kosmische Ereignisse wie Meteoriten oder gigantische Vulkanausbrüche, die mitunter zu einem massiven Klimawandel führten. Das bedeutet: Auf der Erde ist das Massensterben mit den einhergehenden großen Veränderungen nur ein weiteres Durchgangstadium in den Milliarden der Geschichte. Für uns Menschen ist es jedoch eine Katastrophe. Wir hängen mit unserer Ernährung, unserer Medizin, mit unserem Wasser, mit unserem Wohlbefinden und unserem Überleben von der jetzigen Biodiversität ab.

Die Weltbevölkerung wächst rasant, allein jede Woche um 1,5 Millionen Menschen. Was bedeutet das für die Natur?


Es ist ein Hauptgrund für das Abrutschen der Artenvielfalt. Ausgerechnet in der Tropenzone, dem Zentrum der Artenvielfalt, wächst die Bevölkerung stark und dort vor allem im ländlichen Raum. Diese Menschen brauchen Platz und Nahrung in gigantischer Dimension. Das sehen wir zum Beispiel bei der Rodung der Regenwälder oder der Umwandlung von Savannen in Ackerland. Doch dort, wo die Bevölkerung gar nicht mehr zunimmt, wie zum Beispiel im globalen Norden, wachsen Wohlstand und weitere Bedürfnisse ebenfalls quasi ungebremst. Wir verbrauchen dort längst viel mehr Ressourcen, als wir Land zur Verfügung haben. Ein Einhalten ist nicht in Sicht.

Welche Auswirkungen hat das Artensterben auf uns? Denn wenn es der Natur nicht gut geht, wie lang kann es dann dem Mensch überhaupt noch gutgehen?


Weil das Zusammenspiel der Arten so komplex ist, gibt es da keine einfachen Antworten. Uns wird es dann nicht mehr gut gehen, wenn die Leistungen der Ökosysteme, die von den Tier- und Pflanzenarten im Maschinenraum der Biosphäre erarbeitet werden, nicht mehr da sind. Wenn die Böden erodiert sind, Krankheiten sich ausbreiten, das Klima sich ändert, weil die Wälder gerodet wurden. Schon jetzt geht es Menschen nicht mehr gut, zum Beispiel wo sich Wüsten ausbreiten. Das Tückische ist: Die ganz großen Katastrophen kommen, wenn Kipppunkte erreicht werden, wie am Amazonas. Dort droht flächige „automatische“ Entwaldung, wenn durch Rodungen und Klimawandel nicht mehr genug Wasser im System verbleibt. Der Wald stirbt dann ohne Motorsäge oder Feuer. Das führt zu einem Wandel, der plötzlich kommt und nicht aufzuhalten ist. Vielleicht sterben wir vorher auch schon etwas innerlich, wenn wir unseren Kindern erklären müssen, dass wir Elefanten, Nashörner oder Gorillas ausgerottet haben, nachdem sie Hundertausende von Jahren die Erde bewohnt haben, lange bevor der Mensch auftauchte.

Was ist nötig, damit wir noch „die Kurve bekommen“? Und was können wir im Großen wie auch im Kleinen dazu beitragen?


Wir brauchen eine große Transformation: Wir müssen die externen Kosten (wie Einfluss aufs Klima, Böden, Biodiversität – also Allgemeingüter) in die Preise aller unserer Produkte integrieren. Dann werden sich unsere Wirtschaftsweise und unser Konsum grundsätzlich verändern. Auch müssen die Krisen beim Klimawandel und Biodiversitätsverlust zusammen angegangen werden. Agrartreibstoffe, hergestellt mit Pestizid- und Düngereinsatz oder gar auf gerodeten Regenwaldflächen, machen einfach keinen Sinn. Vor allem gilt es auch, die Schutzgebietsfläche zu verdoppeln und die Gebiete in Wirklichkeit zu schützen – und nicht nur auf dem Papier. Die wirtschaftlich starken Länder müssen, schon aus Eigennutz, weltweit diesen Schutz erheblich mitfinanzieren. Bisher ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber auch jeder von uns kann etwas tun, denn er kann jeden Tag entscheiden: Was man isst, wie man sich fortbewegt, welche Kleidung man trägt und was wir sonst noch kaufen. Wir müssen viel bewusster leben und wir müssen der Politik klar machen: Es braucht Vorgaben, damit unsere Welt auch global weiter funktioniert.

Das Interview führte

Marielle Winter

Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt

Der Serengeti-Nationalpark in Tansania ist so etwas wie die Keimzelle des Naturschutzengagements der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF). Dort begann Ende der 1950er-Jahre mit Bernhard Grzimek, was heute zu einem umfassenden Programm mit rund 30 Projekten zum Schutz herausragender Wildnisgebiete und Nationalparks in 18 Ländern angewachsen ist. Der Fokus aller Projekte liegt auf dem Schutz von Wildnis und der Erhaltung von biologischer Vielfalt. An diesen beiden Kriterien orientieren sich sämtliche ZGF-Programme.

Die ZGF engagiert sich in biodiversitätsreichen Gebieten in Mittel- und Osteuropa, in Ostafrika, im zentralen Südamerika und in Südostasien. Bei den Lebensräumen liegt ihr Schwerpunkt auf großen Graslandschaften, Wäldern, Feuchtgebieten und Gebirgen. Seit mehr als 60 Jahren versteht sich die Zoologische Gesellschaft Frankfurt als verlässlicher Partner der Schutzgebietsbehörden und Nationalparkverwaltungen in ihren Projektländern. Ein Partner, der dort hilft, wo den Schutzgebieten die Mittel und Kapazitäten fehlen oder die Hände gebunden sind – praktisch, unbürokratisch und mit naturschutzfachlicher Kompetenz. www.zgf.de

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