Face

2020 Ausgabe 2

Risk Engineering

Interview

„The Blind Side“

Nur wer seine Risiken kennt, kann sie auch handhaben. Anders ausgedrückt bedeutet das: Werden Risiken nicht identifiziert, können diese schnell zu Schäden führen und womöglich schwerwiegende finanzielle Folgen mit sich bringen. Wenig überraschend also, dass das Risk Management bei Unternehmen heute eine bedeutende Rolle einnimmt – dies gilt nicht zuletzt angesichts der zunehmenden Anforderungen, mit denen sie sich zum Beispiel durch die rasante Technologienentwicklungen oder aber die internationalen Märkte konfrontiert sehen. Beim Erfassen der individuellen Risikosituation können Unternehmen jedoch leicht an ihre Grenzen stoßen, da hierfür meist umfassende Expertise und nicht zuletzt auch Erfahrung gefragt ist. In so einem Fall können von externer Seite Experten hinzugezogen werden, spezielle Risikoingenieure, die unterstützen, mögliche Gefahren aufzuspüren und somit für mehr Sicherheit zu sorgen. Was genau unter Risk Engineering zu verstehen ist, welchen Stellenwert der Bereich heute sowohl auf Versicherer- als auch Unternehmensseite einnimmt und inwiefern Risikoingenieure als „helfende Hand“ agieren können, darüber sprach Marielle Winter, Redakteurin der Face, mit Uta Stobbe, Leiterin des Risk Engineering-Bereichs des Industrieversicherungsgeschäfts (P&C) in Deutschland, Österreich und der Schweiz (D/A/CH). Die Diplom-Ingenieurin im Bereich Bauwesen ist bereits seit 2017 bei Chubb und startete im Frankfurter Büro seinerzeit als Senior Account Engineer Property. Sie verfügt über insgesamt 16 Jahre Erfahrung im Bereich des internationalen Projektmanagements, davon elf Jahre in der Versicherungsbranche und lehrt seit 2014 zudem als Dozentin an der FH Augsburg im Fach der technischen Gebäudeausrüstung und Sprinkleranlagen.

Seit Februar des Jahres leiten Sie den Risk Engineering-Bereich bei Chubb. Welchen Herausforderungen sind Sie bisher begegnet?

Auch im Risk Engineering stehen wir aktuell noch vor der großen Aufgabe, unseren Service und die Verbindung zu Kunden und Maklern trotz der COVID-19-Situation, d.h. Home Office und Social Distancing, beizubehalten. Durch viele Telefonate, Zusammentreffen per Webex und auch Online-Seminare haben wir hier aber eine gute Alternative aufgebaut. Der Austausch und die Kommunikation funktioniert auf diesem Wege sehr gut, der Draht glüht im übertragenen Sinne ausgedrückt. In der Mittagspause heißt es deswegen auch ganz oft: Handyakku wieder aufladen! Ansonsten waren für mich die ersten Monate in meiner neuen Position auch davon geprägt, die Parallelen zwischen den Bereichen Cyber, Life Science und Haftpflicht aus Risk Engineering-Sicht aufzuzeigen und inwiefern diese untereinander profitieren können – das alles im Einklang mit unserem Cross-Sell- Ansatz und der Segmentierung.

Wie und warum hat es Sie als Ingenieurin genau in die Versicherungswelt verschlagen? Was macht hier den Reiz für Sie im Vergleich zum klassischen Berufsweg eines Ingenieurs aus?

Schon als Kind habe ich „Die Sendung mit der Maus“ geliebt, hier gab es immer etwas Neues zu entdecken und zu lernen. Wie Dinge funktionieren und warum das so ist, das hat mich schon immer fasziniert und so war die Berufswahl Bauingenieur nur der logische Schluss. Deshalb habe ich meine Karriere auch im Sach-Bereich gestartet und so war es dann ein Leichtes, den Spaß des permanent neuen Entdeckens beizubehalten. Dass es mich in die Versicherungsbranche verschlagen hat, liegt einerseits an der Vielseitigkeit, die einem hier als Ingenieur geboten wird. Andererseits spielt vielleicht auch mein „Helfersyndrom“ ein wenig hinein. Denn Kunden bestmöglich in ihrem Risiko zu begleiten, mit ihnen zu interagieren, um ihnen mit Rat zur Seite zu stehen und ihnen Sicherheit zu geben, ist für mich ein wichtiger Aspekt meines Berufs.

Risk Engineering ist ein breites Feld, denn Risiken lauern schließlich überall. Ein typischer Arbeitstag – wie sieht dieser bei Ihnen aus?

In meinem Alltag heißt es ganz oft „unverhofft kommt oft“, denn Überraschungen oder genauer gesagt spontane Herausforderungen gibt es viele. Kommunikation und Austausch ist deswegen auch unerlässlich. Aufgabentechnisch ist von allem etwas dabei, grundsätzlich gilt für meine Arbeit aber: Kunden und deren Risiko verstehen, sie beraten und dadurch das Risiko minimieren – das ist quasi die heilige Dreifaltigkeit eines Risikoingenieurs. Besichtigungen sind ein wesentlicher Faktor und so nimmt die Koordination jener Treffen vor Ort in meinem Alltag einen wichtigen Part ein. Hierfür stimme ich mich mit Kunden und Maklern ab, erfrage vorab Probleme beziehungsweise mögliche Risiken, lasse dem Kunden einen Fragenkatalog zukommen und vieles mehr. Der Besuchstag selbst startet dann wiederum mit einer Vorabbesprechung mit dem Kunden zum Beispiel über Prozesse in dessen Unternehmen, die wir gemeinsam durchlaufen und eruieren. Daraufhin gebe ich als Risikoingenieur technischen Input, hier immer mit dem Ziel einer risikoverbessernden Beratung. Am Ende eines Tages wartet dann noch Schreibarbeit auf mich, denn in einem abschließenden Bericht müssen alle Eindrücke und Ergebnisse des Tages sowie die Empfehlungen an den Kunden festgehalten werden. Das dient allen Beteiligten als Basis zur weiteren Nachverfolgung, vor allem aber fließt so ein Bericht auch in das Underwriting ein. Denn als Risikoingenieure sind wir vor Ort und sehen, wo es dort eventuell „hapern“ könnte, und agieren damit als Augen und Ohren der Underwriter.

Sie sagten eben, Risikoingenieure seien quasi die Augen und Ohren des Underwritings. Können Sie das genauer erklären?

Inzwischen ist es enorm wichtig, Details – und zwar immer mehr davon – zu analysieren und zu verstehen. Nur so können letztlich auch bessere Underwriting-Voraussetzungen geschaffen und Risiken optimal abgesichert werden. Um mal einen sportlichen Vergleich hierfür zu nehmen: Das Risk Engineering ist die Blind Side des Underwritings. Wer im American Football nicht ganz so versiert ist, gemeint ist damit, dass wir Risikoingenieure unsere Augen überall dort haben, wo die Underwriter es nicht haben beziehungsweise gar nicht haben können. Mit unseren Informationen und Ergebnissen aus Begehungen vor Ort oder dem Risikodialog zu Projekten mit Kunden tragen wir also dazu bei, dass das Underwriting einen tieferen Einblick und damit vor allem ein Gesamtbild der Risikosituation erhält. Nochmal in Sport- sprache ausgedrückt: Wir sichern ihnen den Rücken ab, damit sie ohne Gefahr den richtigen Zug machen können. Dabei hilft uns einerseits die Digitalisierung, denn eine große Datenbank dient als wichtige Informationsquelle, andererseits bleibt auch eine genaue ingenieurtechnische Analyse nie aus.

Inwiefern und mit welchen Abteilungen bei Chubb arbeiten Sie sonst noch zusammen?

Neben dem Underwriting ist auch der Austausch und die Zusammenarbeit mit der Schadenabteilung sehr eng. Denn letztlich geht es darum, die Ursache von Schäden zu verstehen und daraus zu lernen, neue Schäden künftig zu verhindern beziehungsweise deren Eintrittswahrscheinlichkeit zu verringern, Lessons learned zu erarbeiten – sowohl für uns als Versicherer wie auch für den Kunden –, sind dabei eine wichtige Aufgabe, um die wir uns gemeinsam mit Claims kümmern. Dem Underwriting geben wir hierzu außerdem Feedback zwecks Loss-Kalkulation. Auch mit dem Vertrieb interagieren wir natürlich viel, begleiten diese zu Kundengesprächen, tauschen uns regelmäßig aus, um hier unser Fachwissen weiterzugeben.

Wenn wir von Risk Engineering sprechen, sprechen wir von einem Plus, einer Dienstleistung mit besonderem Mehrwert. Wie äußert sich das?

Intern ist da wie gesagt vor allem die technische Ausarbeitung zu nennen, von denen das Underwriting profitiert, um hier sein Angebot besser darlegen zu können. Extern unterstützen wir Kunden durch Prozess- und Risikoanalysen mit Vorschlägen, wie sie ihre Risikosituation verbessern können. Wir helfen Unternehmen durch unsere Expertise dabei, ihre Risiken zu verstehen, und auf was sie achten müssen, um sicherer aufgestellt zu sein, zum Beispiel welche baulichen oder organisatorischen Maßnahmen sie hierfür treffen können. Wir erarbeiten Verbesserungsvorschläge und setzen diese auch auf langfristiger Basis und in Zusammenarbeit mit dem Kunden individuell um. Außerdem unterstützen wir diesen eng bei Projekten, beispielsweise bei Sprinkler- oder Neubauprojekten oder auch bei der Installation von bestimmten Maschinen, um schon vorab mögliche Risiken zu minimieren und kostspielige Verbesserungsmaßnahmen im Nachhinein zu vermeiden.

Welchen Stellenwert hat das Risk Engineering heute?

Im Unterschied zu früher wird inzwischen vor allem verstärkt darauf geachtet, aus Schaden klug zu werden. Als Risikongenieure denken wir voraus und sind dadurch den behördlichen Anforderungen in der Regel oft eine Länge voraus, zum Beispiel im Hinblick auf Thermographien und bestimmte elektrische Bauteile, bei Löschkonzepten für brennbare Flüssigkeiten oder ganz aktuell zur Risikominimierung bei Ladesäulen für Elektrofahrzeuge. Denn während es behördlich meist Jahre braucht, damit neue Anforderungen einen Platz in den Vorschriften finden, bringen wir diese dem Kunden schon jetzt näher. Inzwischen ist die Risikolandschaft außerdem herausfordernder denn je. Zum Beispiel gerade im Bereich Cyber oder auch bei Life Science sind die Risiken ständig im Wandel, es gibt also unablässig neue Gefahren zu berücksichtigen. Auch hat sich die Natur in den letzten Jahren verändert und wird immer öfter zur echten Gefahr, was sich entsprechend auch etwa auf die Sicherheit von Gebäuden auswirkt. Es gibt also mehr Risikopotenziale denn je, die im Auge behalten werden müssen – und genau das machen wir Risikoingenieure.

Nach einem Blick in das Hier und Jetzt fragen wir uns natürlich auch: Wo geht es künftig in Ihrem Bereich hin?

Auch bei uns im Risk Engineering kommt die Digitalisierung immer mehr ins Spiel. Zum Beispiel werden zunehmend Drohnen bei der Besichtigung von Dächern hoher Fabrikgebäude eingesetzt, um mögliche Risiken zu identifizieren. Sicherheitstechnisch ist das natürlich von großem Vorteil. Außerdem kommen verstärkt digitale Simulationen zum Einsatz, um komplexe Prozesse und komplizierte Maschinen zu verstehen. Es gibt beispielweise schon ein hydraulisches Labor, bei dem Hochwasserberechnungen am Rechner vorgenommen werden. Fortschritt also dank Daten beziehungsweise Datenvielfalt, dazu schnellere und mit weniger Aufwand verbundene Ergebnisse. Nichtsdestotrotz ist der Mensch nicht einfach durch die Maschine ersetzbar. Denn gerade wenn es darum geht, individuelle Lösungen zu entwickeln, bedarf es immer noch eines Risikoingenieurs. Das wird sich so schnell wohl auch nicht ändern, da es hier einfach zu viele Daten und Faktoren zu berücksichtigen gilt oder aber auch nur eine Sonderlösung den gewünschten Effekt erbringt.

Das Interview führte
Marielle Winter

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