Face

2019 Ausgabe 3

Industrieforum 2019

Titelthema

Die Gewalt der Natur managen

Der Klimawandel beschäftigt die Gesellschaft, die Politik, aber auch die Industrie und nicht zuletzt insbesondere die Versicherungswirtschaft zunehmend. Warum dies der Fall ist, ist mit einem Blick auf das Jahr 2017 nur allzu offensichtlich: Die zehn größten Naturkatastrophen – gemessen am wirtschaftlichen Schaden – repräsentieren allein 72 Prozent aller versicherten Schäden in 2017. Die jeweiligen eingetretenen Ausmaße sind hierbei beachtlich, ebenso wie die Relation des eingetretenen Schadens zum versicherten Schaden. Was dabei zudem auffällt: Immer häufiger sahen sich in den letzten Jahren nicht mehr nur globale Großkonzerne von Naturkatstrophen und den dadurch verursachten Schäden konfrontiert, betroffen ist verstärkt auch der Mittelstand durch zunehmend internationale Standorte und Verflechtungen – sowohl im Hinblick auf eigene Standorte, aber auch durch Zulieferer beziehungsweise Abnehmer in Regionen, die besonders für Katastrophenrisiken exponiert sind. Und solch ein (potentieller) Schaden an einer einzelnen Betriebsanlage kann sich infolge von Betriebsunterbrechungen und der Störung von Logistik und Lieferketten weltweit auswirken.

Das Risiko (er-)kennen


Dass das Risiko von Naturkatastrophen inzwischen tatsächlich – und nicht nur gefühlt – größer ist als noch in den vergangenen Jahren oder genauer gesagt dass das Schadenausmaß hierbei deutlich gestiegen ist, ist unbestreitbar. Doch was genau ist überhaupt unter Katastrophenrisiko zu verstehen? Als grundlegende Elemente sind hier vor allem eine niedrige Frequenz bei hoher Heftigkeit bei Eintritt und großer Unsicherheit zu nennen. Dabei lassen sich folgende künftige Merkmale von Katastrophenschäden feststellen: Die Frequenz nimmt zu, ebenso die Heftigkeit beziehungsweise die Schwere des Katastrophenschadens. Weitere Effekte sind der demographische Wandel wie auch die Durchdringung der Versicherungsdichte bedingt zum Beispiel durch steigenden Wohlstand. Beim Management dieses Risikos steht wie immer eins ganz am Anfang: Sich zunächst bewusst sein – oder werden –, dass überhaupt ein Risiko besteht. Hierfür bedarf es eines genauen Überblicks. Denn auch wenn Unternehmen beispielweise sicherlich bekannt ist, wer ihre Zulieferer oder Abnehmer sind und wo diese ihren offiziellen Firmensitz haben, so mag das nicht gleichzeitig auch dafür gelten, wo sich deren tatsächliche Produktionsstätten befinden. Diese könnten schließlich auch in naturgefahrenexponierten Zonen sein – ein Umstand, der für alle Beteiligten ein erhöhtes Risiko zur Folge haben kann und das es entsprechend beim Risk Management zu berücksichtigen gilt. Neben jenen Risiken, die wir kennen, wissen wir natürlich andererseits auch, dass wir einige Risiken nicht kennen. Außerdem gibt es auch Katastrophenrisiken, von denen wir noch nicht einmal wissen, dass wir von ihnen nicht wissen. Einfach ausgedrückt heißt das: Wir haben bestimmte Katastrophenrisiken erst gar nicht auf dem Schirm, sie treten für uns völlig unerwartet ein. Beispiele aus der Vergangenheit gibt es dafür genug, etwa als schmale Bäche nach Schneeschmelzen zu reißenden Strömen wurden oder aber Schneelawinen Millionenschäden an einem Berghotel verursachten.

Wissen, was wäre wenn


Bei der Risikoeinschätzung geht es um eine Bewertung der Quantifizierung und der Qualifizierung der Frequenz, der Heftigkeit und der Unsicherheit eines Risikos. Hier spielen im Hinblick auf Naturkatastrophen Modellierungen eine wichtige Rolle, denn sie tragen dazu bei, die Ursachen von Naturkatastrophen, das Ausmaß möglicher Schäden und die Auswirkungen bestimmter Schadenereignisse besser zu verstehen und einzuschätzen. Auch ist es natürlich immer hilfreich, auf die Erkenntnisse und Erfahrungen aus vergangenen Schadenereignissen, die erfasst und genau analysiert wurden, zurückzugreifen. Solche oftmals über mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg zusammengetragenen Daten können bei der Schadenvorhersage echten Mehrwert leisten. Gleichfalls sollte hier aber auch erwähnt werden, dass Schadendaten aus der Vergangenheit angesichts der heutigen rasanten Veränderungen – gerade hinsichtlich Umwelt und Klima – kritisch und prüfend zu betrachten sind.

Umfassende Daten vonnöten


Speziell Modellierungen für Naturgefahren (modelliertes Schadenausmaß, modellierte Risikoprämie) werden bereits seit 1988 seitens diverser namhafter Firmen angeboten, aber auch Versicherer haben inzwischen firmeneigene Naturgefahrenmodellierungstools entwickelt, wie beispielweise Chubb mit „.GEO“. Sowohl die modellierbaren Länder als auch Gefahren steigen dabei stetig. Um auf Grundlage solcher Modelle Schätzungen zu potenziellen Schäden zu erstellen, bedarf es entsprechend einiger Daten: Welche Gefahren werden sich wahrscheinlich verwirklichen? Wie intensiv sind diese Ereignisse? In welcher Bandbreite geschieht dies? Wie wirkt sich dies auf Accounts beziehungsweise Portfolien aus? Fragen wie diese sollten möglichst genau beantwortet werden, denn je besser die Datenqualität (zum Beispiel Primary/Secondary Modifiers), also die Informationstiefe, desto geringer ist der modellierte Höchstschaden und die diesbezüglich zu allokierende CAT-Prämie. Unternehmen – und auch Versicherern – bieten die Modellierungen die Möglichkeit zu beurteilen, etwa für welche Standorte ein verstärktes Risikomanagement vonnöten ist oder auch welche Deckungssummen für konkrete Standorte sowie für das Unternehmen insgesamt angemessen sind.

Eine Lösung ist gefragt


Wie schon anfangs erwähnt, hält die Natur die Versicherungsindustrie auf Trab und hieran wird sich wohl auch künftig wenig ändern, vielmehr lässt sich eher das Gegenteil vermuten. Bedingt durch neue Gefahren, wie zunehmende Buschfeuer, heftigere Überschwemmungen oder aber Starkregen, sowie neue Deckungen (Rückwirkungsschäden) und auch neue Regionen, aufgrund wachsenden Wohlstands und einer höheren Wertekonzentrationen, steigt die Komplexität dieser Risiken noch weiter an. Hier sind innovative Lösungen gefragt und so stellt sich die Frage, ob die momentan am Markt diskutierten sogenannten parametrischen Deckungen aus versicherungstechnischer Sicht eine Antwort sein könnten. Hierbei stehen bestimmte vordefinierte Klimaparameter – zum Beispiel Temperatur, Niederschlagsmenge, Windstärke, die Größe von Hagelkörnern oder der Wasserstand von Flüssen – im Zentrum der Deckung und nicht wie bei traditionellen Lösungen der konkret entstandene Schaden. Die Versicherung greift automatisch, sobald bei einem Wetterereignis die zuvor vereinbarten Schwellenwerte entweder über- oder unterschritten werden; die Messwerte werden dabei von unabhängigen Institutionen, wie zum Beispiel dem Deutschen Wetterdienst, ermittelt. Ob diese Deckungen aber tatsächlich die Lösung des Problems darstellen oder ob es vielmehr notwendig ist, ein noch stärkeres Augenmerk auf die genaue Analyse und das Management von Naturkatastrophenrisiken zu legen, damit sich diese – soweit möglich – erst gar nicht zum schadenträchtigen Ereignis entwickeln können, ist schwer zu sagen. Sagen lässt sich jedoch, dass angesichts der wachsenden Gefahr durch Naturkatastrophen Handlungsbedarf besteht – weil es immer mehr solcher Ereignisse gibt und weil sie immer größere Schäden anrichten. Und weil es immer mehr Menschen, Städte und Sachwerte in gefährdeten Regionen gibt. Somit könnte das Schadenjahr 2017 schon bald kein Einzelfall mehr sein, sondern vielmehr nur ein Vorbote der neuen Normalität.

Peter Brink
peter.brink@chubb.com

Über den Autor

Peter Brink ist Line Manager Fire für Deutschland und Österreich bei Chubb in Frankfurt. Bereits seit 2012 im Unternehmen ist er für das ergebnisorientierte Zeichnen von nationalen und internationalen Sach- und Betriebsunterbrechungsversicherungen für die Konzern- und Industriekunden sowie für die Produktentwicklung verantwortlich.

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